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Aus den Augen einer Chinesin

von Jingnü Liu

Vor drei Jahren kam ich als Austauschstudentin des Faches Germanistik zum ersten Mal nach Deutschland.

Damals wusste ich noch nicht, was mich erwarten würde. Mit großer Neugierde und Vorfreude sah ich meinem Leben in Deutschland und dem Studienbeginn an der Ludwig Maximiliansuniversität München entgegen.

Die Ankunft in Deutschland am Flughafen: Der Duft von Kaffee und Backwaren lag in der Luft. „Nun also Schluss mit Sojamilch und Baozi (gedämpfte Teigtaschen)“, dachte ich mir. Nach und nach habe ich mich an die europäische Esskultur und speziell an das bayerische Essen gewöhnt – insbesondere Kartoffelsalat und Schweinebraten sind meine neuen Lieblingsspeisen.

Auch das Unileben in Deutschland gestaltete sich ganz anders als in China. Zunächst einmal gab es keinen Campus, sondern ich habe in einem Studentenwohnheim mitten in der Stadt gewohnt, integriert in die Umgebung. Es gab keine Klassenunterteilung mehr, so dass ich immer neue Gesichter im Unterricht sah. Auch musste ich erst einmal kochen lernen, da die Öffnungszeiten der Mensa viel kürzer waren, als ich es gewohnt war. Im Studentenwohnheim habe ich Freunde aus aller Welt gefunden. Durch ihre Erzählungen erfuhr ich von immer neuen Reisezielen und so lernte ich diese bald auf kurzen Ausflügen kennen.

Die schöne Landschaft in Bayern hat mich fasziniert. Angefangen mit dem weltbekannten Neuschwanstein bis zu den malerischen Alpen zogen mich die Sehenswürdigkeiten in ihren Bann. Dies führte schnell dazu, dass ich auch andere Chinesen für die Schönheit Bayerns begeistern konnte. In Zukunft sollte ich auch hier meine Rolle und Begabung als Begleitdolmetscherin finden.

Die teilzeitige Beschäftigung als Sprachmittlerin erweiterte meinen Horizont und verlieh mir ein tieferes Verständnis für die deutsche Kultur. Auch ermöglichte dies, mir erste praktische und beruflich relevante Erfahrungen zu sammeln. So konnte ich zum Schluss meines Austauschjahres daher viele positive Erfahrungen mit nach Hause bringen: Ich hatte nicht nur mein Deutsch verbessert, sondern auch meinen Traumberuf gefunden, indem ich die Sprache zum Beruf machen werde.


So fing ich nach einem Jahr mit dem Master „Konferenzdolmetschen“ am Sprachen & Dolmetscher Institut München (SDI) an. Schon bei der Ankunft wusste ich dieses Mal mehr, was mich erwarten würde. Intensives Training in aktiver und passiver Sprachkompetenz in den Fremdsprachen Deutsch und Englisch standen mir bevor, um mich auf die Einsätze in Simultan- und Konsekutivdolmetschen vorzubereiten. Nach einem Jahr wusste ich, dass es wirklich nicht leicht sei, so tief in die Sprachenwelt einzutauchen. Aber nicht zuletzt aufgrund der großen Unterstützung meiner Kommilitonen am SDI fühlte ich mich hier stets gut aufgehoben. Da ich die einzige Studentin mit der Sprachkombination Deutsch-Englisch-Chinesisch unter 30 Jahren bin, konnte ich durch die erfahrenen Dolmetscher in den Seminarstunden viel lernen. Im nunmehr dritten Fachsemester weiß ich, dass mein Studium in Deutschland jeden Tag etwas Neues bringt. Der Kontakt mit Deutschland ist mir extrem wichtig geworden. Dies gilt nicht nur in Hinblick auf meinen Beruf, sondern es ist auch eine große Freude, die kulturellen und wirtschaftlichen Verbindungen unserer Länder mitzugestalten.

Auch deswegen bin ich bereits kurz nach meiner Ankunft in Deutschland mit dem Erich-Paulun-Institut vertraut geworden und kann seit Mai 2015 auch aktiv als studentische Hilfskraft an der Arbeit des Instituts teilhaben. Gleichzeitig bin ich auch ein Mitglied des DCSC München. Das Institut schafft mir eine solch angenehme Atmosphäre wie mein Zuhause. Hier habe ich viele neue Freunde gefunden und auch die Mentoren haben mich tatkräftig unterstützt, auf meinem Weg – den Pfad der Sprachen – fortzuschreiten. Vielen Dank dafür!

Meine Liebe zu Deutschland ist nicht zuletzt durch die Willkommenskultur, die deutsche Offenherzigkeit und die wunderschöne Landschaft entstanden. Auch wenn ich es irgendwann verlassen sollte, ist gewiss, dass ich es immer in meinem Herzen haben werde.

Dieser Bericht erschien im Jahresbericht 2014/2015 des Erich-Paulun-Institutes und wurde mit Zustimmung des Präsidenten entnommen.